Vom Fehler der ein Segen war… das Märchen von der kaputten Wasserschüssel.

Es war einmal…

eine alte chinesische Frau, die zwei große Wasserschüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug. Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende der langen Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll.
Zwei Jahre lang geschah dies täglich: die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause.

Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war.

Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau:
„Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.“

Die alte Frau lächelte. „Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht?“ „Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren. Dein Fehler wurde zum Segen, Dein scheinbarer Makel ist Deine große Stärke“

Soweit dieses Märchen, dessen Verfasser mir unbekannt ist. Es ist in verschieden Varianten im Internet zu finden.

Nette Geschichte, aber was hat die mit Ihnen zu tun?

Die beiden Krüge sind Bilder zweier Menschen, der eine ist „fehlerlos“ und der andere mit einem deutlich sichtbaren Makel behaftet. Im Laufe des Lebens entpuppt sich der „Fehler“ auf einmal als ein wahrer Segen.

Was bedeutet das konkret hier und jetzt für Sie?

Jeder Mensch ist in Ordnung – auch Sie. Und jeder ist ein Teil des Lebens auf dieser Erde.

Jede Person hat Fehler – auch Sie.  Niemand ist vollkommen!

 

Dieser Albino-Pfau ist einerseits ein „Fehler der Natur“, der in freier Wildbahn wohl nicht lange überleben könnte.

Im Freigehege eines Tierparks fühlt er sich augenscheinlich wohl und beglückt die Besucher mit einem wunderschönen weißen Federnkranz.

Gerade in der aktuellen politischen Großwetterlage sehen wir, wie schnell Vorurteile sich Bahn brechen und Fehlverhalten einiger Menschen gebrandmarkt und auf ganze Religionen oder Nationalitäten übertragen wird. Die, die solche Vorurteile am lautesten heraus schreien, halten sich selbst meist für makellos und unfehlbar in ihrer Urteilskraft.

Die Geschichte zu Beginn zeigt uns aber einen andern Weg.

Niemand ist falsch – niemand ist fehlerlos – und ein Fehler kann schnell zum Segen werden.

Man sollte jede Person einfach so nehmen, wie sie ist und den GANZEN MENSCHEN in ihr sehen. (nicht nur das sog. Gute)

Der Mensch ist immer GANZ und besteht aus beiden Teilen Gut UND Böse – oder um es weniger spitz zu formulieren: LICHT UND DUNKEL.

So wie unser ganzes Leben immer aus allen Polaritäten besteht und das eine ohne das andere nicht existieren könnte: Tag-Nacht, groß-klein, dick-dünn, Frieden-Krieg, reich-arm, gesund-krank und auch Leben und Tod.

Diese kleine chinesische Geschichte hat auch viel mit mir und meinem Leben zu tun, denn der vermeintliche Makel beschäftigt mich als Mensch und als Arzt besonders. Krankheit gibt oft das Gefühl des Makels und der Ausgrenzung. AIDS Patienten spüren das ganz besonders.

Ärzte müssen immer perfekt und fehlerlos funktionieren. Als ich damals meine Burnoutdiagnose kannte, habe ich fast ein halbes Jahr weiter gearbeitet, weil ich Angst hatte, mich zu outen. Ärzte und besonders ich haben doch kein Burnout. Alle anderen, aber ich nicht.

Meine Erfahrungen als Palliativarzt zeigten: Ganz oft haben Patienten das Gefühl, etwas im Leben falsch gemacht zu haben oder zu früh zu sterben.

Oft finden sich viele Dinge, die sie noch gerne ändern würden, aber es fehlt die Zeit. Und vor allem erkennen viele Menschen, dass es Lebensbereiche gibt, in denen noch viel „offen und unerledigt“ ist. Dieses „unfinished Business“ – unerledigte Dinge – beschäftigen Patienten und Familie oftmals bis in die Todesstunde.

Einer der Gründerväter der Palliativmedizin sagte einmal auf einem Kongressvortrag:
„Jeder hat Unfinished Business – JEDER!“ … und erzählte vom Tod des eigenen Kindes. Man hätte eine winzige Nadel in dem großen Hörsaal fallen hören können, so still war es bei seinen Worten und vielen – auch mir – traten Tränen in die Augen.

ALLES – Stärken und Schwächen – macht unser Menschsein aus und einer der großen Fehler unserer Zeit und unserer Kultur scheint mir der schwierige Umgang mit dieser Ganzheit zu sein.

Wir sind einseitig:  wir sehen nur noch das Negative, umgeben uns nur noch mit schlechten Nachrichten. Mit großen Verbrechen lassen sich die Auflagen der Zeitungen mehr steigern, als mit guten Taten. Oder wir betreiben überzüchtetes „positives Denken“ unter Verneinung aller negativen Aspekte des Lebens.

Manche Menschen finden im Buddhismus die Toleranz, die wir hier im Westen oft vergeblich suchen. Dort hat ALLES seinen Wert und alles darf SEIN und wir Menschen haben ZEIT, uns zu entwickeln. Wege und Umwege sind in Ordnung, eines Tages findet jeder sein Ziel… SEIN Ziel.

Das Ziel meines Nachbarn muss nicht meines sein.  Nur weil er in einem tollen Haus und ich in einer Mietwohnung lebe, ist sein Leben nicht besser als meines.

Seit vielen Jahren begleitet mich der Satz eines weisen Mannes aus der Yoga Lehre:

„Es ist besser, den eigenen Weg mit Fehlern zu gehen, als den fremden Weg mustergültig“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen guten WEG – mit all Ihren Stärken UND all Ihren Schwächen!

Unterschrift-HDR.com-Geben Sie den Tagen mehr Leben

 

Rechts gibt es die Geschichte zum Anschauen in Form eines Videos

(Bilder Copyright Hans-Dirk Reinartz)