Was passiert, wenn ein Ehepartner den anderen um jeden Preis schützen möchte? Der Ehemann lag mit einer schweren Erkrankung bei uns auf der Station. Er und seine Frau waren relativ jung und hatten sich vordergründig mit der lebensbedrohlichen Erkrankung des Ehemannes abgefunden.

Nach einiger Zeit bat die Ehefrau mich um ein Gespräch. Sie erzählte mir von ihren Sorgen um den Ehemann und hatte ein großes Problem damit, dass sie glaubte, mit ihm darüber nicht sprechen zu können. „Ich habe Angst, ihn zu überfordern, wenn ich ihn mit meinen Sorgen konfrontiere. Er hat schon genug mit sich und der Krankheit zu tun.“ Ich versuchte, ihr begreiflich zu machen, dass ihr Verhalten sehr verständlich sei, sie damit aber weder sich noch dem Ehepartner helfen würde. Diese unausgesprochenen Sorgen könnten wie eine Wand zwischen ihnen stehen. Das verstand sie gut, sagte aber: „ich bringe es nicht übers Herz, mit ihm über meine Sorgen zu sprechen.“ So gingen wir auseinander.

Ein paar Tage später schilderte mir der Patient sein größtes Problem: „Ich weiß das ich sterben werde, habe mich damit abgefunden, mache mir jedoch große Sorgen, wie meine Frau mit der Situation fertig wird. Vor allem über die Zeit nach meinem Tod müsste ich mit ihr reden, denn es gibt so viele wichtige Dinge zu regeln. Sie hat große Angst, aber ich kann mit ihr nicht darüber sprechen, weil ich sie nicht überfordern möchte.“

Wenn das Thema nicht so ernst gewesen wäre, hätte ich am liebsten laut gelacht. Da waren zwei Menschen, die sich liebten und gegenseitig schützen wollten. Jeder von beiden war in Sorge um den anderen, konnte aber genau deswegen nicht darüber sprechen. So hatten sich beide gegenseitig schachmatt gesetzt. Sie bauten eine kommunikative Wand zwischen sich auf, die größer und größer wurde. Und keiner merkte, dass sie nicht ehrlich zueinander waren. In den gemeinsamen Gesprächen mit mir taten sie so, als sei alles in Ordnung. Jeder wollte stark wirken und so dem anderen Halt bieten.
Natürlich konnte ich bei der nächsten Visite dem Ehemann nichts von dem Gespräch mit seiner Frau erzählen, denn wir nahmen die Vertraulichkeit von Einzelgesprächen sehr ernst. Das war ein wichtiger Punkt in der Kommunikation mit Patienten und Angehörigen, denn oft ging es um unausgesprochene Konflikte und es war wichtig, dass alle Beteiligten wussten, alle Informationen würden vertraulich behandelt.
Also fragte ich den Ehemann, ob ich mit seiner Ehefrau über seine Ängste, sie zu überfordern, sprechen dürfte. Er gab mir die Erlaubnis und vor dem nächsten Besuch bat ich die Ehefrau um ein erneutes Gespräch unter vier Augen. Ich erzählte ihr, dass ihr Mann mit fast denselben Worten exakt dasselbe Problem mit ihr hatte, wie sie mit ihm. Ich spürte, wie eine zentnerschwere Last von ihr ab fiel. „Ich bin sehr froh, dass sie mich informiert haben und werde sofort mit ihm darüber sprechen.“

Sie ging in sein Zimmer und einige Zeit später baten sie die betreuende Schwester, mich zu holen. Als ich ins Zimmer kam, fand ich zwei veränderte Menschen vor, beide wirkten gelöst, ja fast glücklich. Natürlich gab es weiterhin seine Krebserkrankung mit stark begrenzter Lebenserwartung. Natürlich gab es auch zukünftig seine Sorgen und ihre Ängste. Der große Unterschied war, dass sie jetzt darüber sprechen wollten und auch konnten. Es war schön, zu sehen, wie sie sich jetzt wieder gefunden hatten und die unsichtbare Wand zwischen ihnen verschwunden war.

Immer wieder habe ich solche und ähnliche Situationen erlebt, aber diese ist mir so überdeutlich im Gedächtnis geblieben, weil beide Ehepartner ihr Problem mit dem jeweils anderen in fast denselben Worten schilderten. Beide hatten exakt dasselbe Problem, sie wollten den Partner schützen. Im Ergebnis haben sie stattdessen sich selbst und auch dem Partner zusätzliche Sorgen aufgebürdet.

Es ist schon schwer genug ist, eigene Probleme zu lösen. Die Probleme anderer lösen zu wollen, ist jedoch in der Tiefe unmöglich. Viele Partnerschaften sind von solchen Konflikten gezeichnet, wenn der eine Partner jeweils die Probleme des anderen bearbeiten bzw. lösen möchte, statt sich den eigenen zu stellen! So arbeitet sich der eine Partner am anderen müde und vergisst darüber die eigenen Probleme. Das ist schon für gesunde Menschen ein extrem schwieriges Szenario. Wenn ein Partner krank ist, vervielfacht sich das Risiko zu scheitern.

Mein Appell an Sie: Bleiben Sie bei sich und arbeiten an der Lösung eigener Probleme. Erlauben Sie Ihrem Partner, sich ebenfalls mit seinen Problemen zu beschäftigen. Und haben Sie den Mut, sich einander zu zumuten. Um sich dem Partner zuzumuten, bedarf es des Mutes und der Ehrlichkeit im Umgang mit sich selbst und dem Partner.

Unterschrift-HDR.com-Geben Sie den Tagen mehr Leben

 

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.