Emotionen in der Palliativpflege

Claudia Henrichs hat mich für ihren Podcast “PFLEGE.ambulant” interviewt und mir Fragen gestellt zum schwierigen Thema “Umgang mit Emotionen in der Palliativpflege”.

 

Zur Vorgeschichte:

Claudia Henrichs  ist Unternehmensberaterin und berät mit Ihrem chc-Team Führungskräfte von Pflegediensten zu Themen der wirkungsvollen Kommunikation in der ambulanten Krankenpflege. 

Bei einer Kundenbefragung kam der Themenwunsch “Wie gehe ich  in der Palliativpflege mit eigenen und fremden Emotionen um?”.

Da wir uns aus einer Podcast-Mastermindgruppe gut kennen, bat Claudia mich um dieses Interview, denn ich habe ja fast 12 Jahre als Arzt auf Palliativstationen gearbeitet.

Hier gibt es die komplette Podcastfolge zum Anhören…

 

Am Ende finden Sie das komplette Interview mit einigen Ergänzungen zum Herunterladen.

Auszüge aus dem Interview:

Ich bin traurig, weil jemand im Streben liegt und habe auch Angst vor meinem eigenen Tod.

  • Jeder Mensch stirbt! Du, ich, wir alle.
  • Jeder hat die Möglichkeit jederzeit zu sterben.
  • Hospize, Palliativstationen und alle anderen Orte sind gut, um sich klar darüber zu werden, dass jedes Leben jederzeit zu Ende sein kann!
  • Wenn ich mich diesem Thema UND der damit oft verbunden Angst auf mich selbst bezogen stelle, kann ich auch bei Patienten und Angehörigen „richtig“ handeln

 

Wie „bearbeite“ ich Angst vor dem Tod bei Patienten und Angehörigen?

  • Wenn ich mich nicht traue, etwas zu sagen, dann ist es immer (!) möglich und erlaubt, ZU FRAGEN.
  • Königsweg ist immer, Emotionen bei sich und anderen wahrzunehmen UND DANN so anzusprechen, dass alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können. „Ich fühle bei mir…„ oder „Ich nehme bei Ihnen… wahr“
  • Wenn Ansprechen der Königsweg ist, ist Fragen der Kaiserweg. „Könnte es sein, dass Sie Angst haben?“ „Möchten Sie darüber sprechen?“
  • Ganz wichtig: ALLE müssen IMMER die Freiheit haben JA oder NEIN zu sagen!

 

Was mache ich, wenn etwas mich so traurig macht, dass ich weinen möchte?

  • In schwierigen emotionalen Situation haben ALLE Beteiligten JEDES Recht, traurig zu sein und DÜRFEN es auch zeigen!
  • Bitte nicht den Kloß runterschlucken und die Emotionen verdrängen.

 

Was mache ich, wenn ich zum nächsten Patienten gehe und mich die Traurigkeit noch begleitet?

  • Es gibt einen einfachen Trick, den ich trainieren kann, um den vorherigen Patienten loszulassen und mich dem neuen mit 100% widmen zu können: Die Türe schließen.
  • Mit dem Schließen der äußeren Zimmertür, schließe ich auch den inneren Raum in mir und lasse den Patienten los. Der neue Patient bekommt meine volle Aufmerksamkeit. Das kann man gut trainieren und irgendwann schließt man automatisch mit der Zimmertüre auch das Thema.

 

Was mache ich, wenn ich Emotionen im Dienst nicht zeigen kann oder will?

  • Das Problem „Ich kann nicht“ sollte in Team Supervisionen oder ähnlichen Settings gelöst werden.
  • Bei „Ich will es nicht“ kann ich mich selbst nach den Gründen fragen und diese erforschen. zB habe ich Angst, nicht anerkannt zu werden, wenn ich emotional reagiere? etc.
  • Eines ist sicher, wenn ich die Probleme mit nach Hause nehme, schade ich einer Person auf jeden Fall: mir selbst.
  • Jeder „mitgenommene Patient“ erhöht die Schwere meines Rücksackes und das führt irgendwann zu Krankheit und Burnout.
  • Nach einer emotionalen Situation kann ich im Stationszimmer die Situation ansprechen und mir „Luft machen. Jede Alternative ist besser, als unterdrücken und mit nach Hause tragen.
  • Eine E-motion will nach draußen. Sonst müsste es ja In-motion heißen. 🙂
  • Da wo Menschen sind gibt es immer Emotionen, da darf es menscheln.

 

Was mache ich, wenn ich in einer Situation nicht weiter weiß?

  • Wenn ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, ist es immer gut, die Situation anzusprechen:
    „Ich nehme das jetzt wahr und weiß ganz ehrlich nicht, wie ich damit umgehen soll.“
  • Entscheidender Punkt: Ehrlich sein! Besser ehrlich „nicht weiter wissen“ als „Professionalität heucheln“

 

Wie gehe ich mit den Emotionen von Angehörigen um?

  • Wenn ich die Person schon etwas kenne, frage ich vielleicht… „darf ich Ihnen helfen?“ oder „darf ich etwas für Sie tun?“
  • Wenn ich Angehörige besser kenne, stelle ich dieselben Fragen und es mit einer körperlichen Berührung zB am Arm oder der Schulter. Vorsicht bei Körperkontakt, nur wenn ich ganz sicher bin!
  • Wenn ich Angehörige schon gut kenne, ist sogar Folgendes möglich und wirkt manchmal Wunder… „Ich möchte Sie jetzt gern in den Arm nehmen, darf ich?“

 

Wenn Angehörige das Sterben den Tod nicht wahrhaben wollen. Wie mit dem Aktionismus umgehen?

  • Emotionen wahrnehmen und als Frage, die als Angebot verstanden werden kann, ansprechen.
  • Fragen ist auch hier der Königsweg, führt mitten ins Problem, ohne dass ich dem Angehörigen meine Meinung um die Ohren schlage.
  • JEDE Antwort des Angehörigen ist richtig!
  • Nach Motiven fragen… entweder alle Beteiligten zusammen oder auch erst mit den Beteiligten einzeln sprechen. Oft ist das Problem, dass sie sich nicht trauen, in Anwesenheit des Patienten ehrlich zu sein.

 

 

Sterben ist individuell wie ein Fingerabdruck.

  • Ein Patient möchte alleine sterben – das ist gut so.
  • Ein anderer möchte in Begleitung bestimmter Personen sterben – das ist auch gut so!
  • Manche Patienten können und wollen darüber sprechen, andere nicht. Was immer ein Patient sagt, ist RICHTIG!
    Will ein Mensch alleine sterben, wird das auch so geschehen – das darf so sein.
    Wenn ein Mensch im Kreise der Familie oder einzelner Familienmitglieder sterben möchte, wird auch das so geschehen.
  • Nicht jeder Mensch kann das auch aussprechen, deshalb ist es wichtig VORHER mit der Familie darüber zu sprechen, dass es so oder eben anders passieren wird. Sehr oft wird das aber von der Familie anders gesehen und NACHHER machen sie sich oft Vorwürfe, „nicht dabei gewesen zu sein“.
  • Wenn ich VORHER mit den Angehörigen rede und es so oder so ähnlich ausdrücke… „Egal was passiert, wenn er /sie stirbt, und Sie sind dabei, ist es richtig. Stirbt er / sie ohne dass Sie dabei sind, ist es auch in Ordnung. Es wird so geschehen, wie es geschehen soll.“

 

Auf einer Palliativstation wird gestorben. Ist es nicht ein insgesamt trauriges Arbeitsumfeld?

  • Auf einer Palliativstation findet Leben und Sterben statt.
  • Positive und negative Emotionen sind vorhanden, wie im normalen Leben.
  • Auf einer solchen Station leben MENSCHEN als Patienten und arbeiten MENSCHEN als Personal. Eine Palliativstation lebt und ist nicht tot! 
  • Unterstützend da sein, um Themen des Lebens, die noch abgeschlossen werden müssen, zum Abschluss zu bringen.
  • Eine Palliativstation, ein Hospiz ist keine Sterbestation, da wird gelebt …und irgendwann gestorben.
  • Und alles, was zum Leben gehört darf da sein!

 

Hier nun der DOWNLOADLINK zum vollständigen Interview mit zusätzlichen Ergänzungen